Folge #43 | Islamismusprävention in Ostdeutschland

Shownotes

Weiterführende Infos

Beratungsstelle Sachsen | Violence Prevention Network https://violence-prevention-network.de/angebote/projektuebersicht/beratungsstelle-sachsen/

Fachstelle Bidaya | CJD Nord https://bidaya-mv.cjd.de/de

Schliephack, Caspar (2024): Islamismus in Ostdeutschland. Aktuelle Trends und Herausforderungen. Berlin: Konrad-Adenauer-Stiftung. https://www.kas.de/documents/d/guest/islamismus-in-ostdeutschland

Im Podcast zu Gast:

Wenke Krestin ist Projektleiterin der Beratungsstelle Sachsen von Violence Prevention Network und verfügt über langjährige Erfahrung in der Prävention von religiös begründetem Extremismus. Die Beratungsstelle Sachsen unterstützt landesweit Jugendliche, Angehörige und Fachkräfte mit Beratung, Präventionsangeboten, Intervention, Distanzierungsbegleitung sowie Fortbildungen im Umgang mit religiös begründetem Extremismus und Radikalisierung.

Die Fachstelle Bidaya bietet Bildung, Beratung und Begleitung in dem Phänomenbereich des religiös begründeten Extremismus in Mecklenburg-Vorpommern. Sie unterstützt landesweit mit Bildungs- und Beratungsangeboten sowie Ausstiegs- und Distanzierungsbegleitung für Betroffene, Angehörige und Fachkräfte.

Website: www.kn-ix.de

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KN:IX talks #43 | Transkript

Wenke Krestin (Violence Prevention Network): Es gibt keinen Landstrich auf der Welt, wo Religion, gelebte Religion, so eine geringe Rolle spielt wie in den fünf neuen oder ostdeutschen Bundesländern. Und damit ist auch die Reaktion von Personen, die sich als nicht-religiös identifizieren, in Bezug auf religiöse Menschen und auch muslimische Menschen eine ganz andere. Wir machen aber auch die Erfahrung, dass es in den letzten zwei Jahren sehr, sehr viel schwerer geworden ist, im ländlichen Raum Schul-Workshops anzubieten, die zum Beispiel heißen „Vielfalt als Ressource“. Da braucht man nicht in ländliche Räume gehen, sich vor eine Klasse stellen und sagen, wir wollen heute mal über Vielfalt reden, dann können wir eigentlich wieder gehen. Das heißt zusammengefasst, wir müssen bei Schul-Workshops in ländlichen Räumen in Ostdeutschland sehr viel kreativere und lebensnahere Zugänge wählen, um die Themen, die uns wichtig sind, nämlich Antidiskriminierung, Ankämpfung gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Demokratiebildung, um das zu setzen.

Charlotte Leikert (BAG RelEx): KN:IX talks, der Podcast zur aktuellen Themen der Islamismusprävention.

Frederik Braune (BAG RelEx): Hallo und herzlich willkommen bei KN:IX talks. Mein Name ist Frederik Braune.

Ulrike Hoole (BAG RelEx): Und mein Name ist Ulrike Hoole. Gemeinsam hosten wir den Podcast KN:IX talks bei der BAG RelEx. Wenn wir über Islamismusprävention sprechen, denken viele zunächst an westdeutsche Großstädte, Köln oder Berlin zum Beispiel. Doch wie sieht Präventionsarbeit dort aus, wo Wege weit sind, Fachstrukturen begrenzt und muslimische Communitys oft klein oder kaum vorhanden?

Frederik Braune (BAG RelEx): In dieser Folge richten wir den Blick auf Ostdeutschland und den ländlichen Raum. Dort steht Präventionsarbeit häufig berechtigterweise im Zeichen des Rechtsextremismus. Umso spannender ist die Frage: Wie gelingt Islamismusprävention in einem Umfeld, in dem andere Extremismusphänomene häufig stärker im Fokus stehen?

Ulrike Hoole (BAG RelEx): Wir sprechen darüber, welche Rolle Schulen, Jugendhilfe und kommunale Netzwerke spielen, welche Herausforderungen die Präventionsarbeit mit sich bringt und welche Ansätze sich in der Praxis bewährt haben. Später in der Folge hören wir außerdem eine Mitarbeiterin der Fachstelle Bidaya in Mecklenburg-Vorpommern.

Frederik Braune (BAG RelEx): Doch zunächst spreche ich mit Wenke Krestin. Sie ist Projektleiterin in der Beratungsstelle Sachsen von Violence Prevention Network und verfügt über langjährige Erfahrung in der Prävention von religiös begründetem Extremismus. Die Beratungsstelle Sachsen unterstützt landesweit Jugendliche, Angehörige, Fachkräfte mit Beratung, Präventionsangeboten, Intervention, Distanzierungsbegleitung sowie Fortbildungen im Umgang mit religiös begründetem Extremismus und Radikalisierung. Liebe Wenke, schön, dass du heute bei uns bist.

Wenke Krestin (Violence Prevention Network): Es freut mich lieber Frederik, dass ich hier sein kann.

Frederik Braune (BAG RelEx): Wenn Menschen an Islamismusprävention denken, haben viele wahrscheinlich zuerst Berlin, Köln oder andere Großstädte vor Augen. Du arbeitest in Sachsen, ein Flächenland mit ca. 4 Millionen Einwohnern. Was macht Präventionsarbeit dort eigentlich anders oder besonders?

Wenke Krestin (Violence Prevention Network): Die Präventionsarbeit in einem Flächenland zeichnet sich dadurch aus, dass wir in erster Linie, würde ich sagen, viel weitere Wege haben und es dadurch viel schwieriger ist, die Netzwerke, die wir aufbauen müssen, auch zu halten. Denn natürlich haben auch wir nur begrenzte Ressourcen. Wir sind in Sachsen ein Team von sechs Personen, die die Islamismusprävention und die Distanzierungsberatung und Begleitung in Sachsen im Bereich religiös begründeter Extremismus verantworten. Und das ist natürlich schwer in jedem Landkreis, in jeder Stadt präsent zu sein und mit den Personen in Kontakt zu bleiben. Darüber hinaus gibt es in den ländlichen Räumen viel weniger Strukturen, du hast es in deiner Anmoderation schon gesagt. Und der dritte Faktor ist, dass wir natürlich im ländlichen Raum auch die gesellschaftlichen Veränderungen viel stärker spüren als in den großen Städten.

Frederik Braune (BAG RelEx): Warum lohnt es sich aus deiner Sicht, gerade auf die ostdeutschen Bundesländer zu schauen, wenn wir über Islamismusprävention sprechen? Welche Besonderheiten erlebt ihr dort?

Wenke Krestin (Violence Prevention Network): Es lohnt sich, die Besonderheiten zwischen westdeutscher Islamismusprävention und ostdeutscher Islamismusprävention hervorzuheben. Einfach dadurch, dass die sogenannten ostdeutschen Bundesländer 40 Jahre lang eine ganz andere Geschichte haben. Und dadurch haben wir in Ostdeutschland eine ganz andere Bevölkerungsstruktur. Wir haben auch ganz andere Verständnisse von politischer Teilhabe. Und wir haben eine ganz andere Religiosität der Mehrheitsgesellschaft. Es gibt keinen Landstrich auf der Welt, wo Religion, gelebte Religion, so eine geringe Rolle spielt wie in den fünf neuen oder ostdeutschen Bundesländern. Und damit ist auch die Reaktion von Personen, die sich als nicht religiös identifizieren, in Bezug auf religiöse Menschen und auch muslimische Menschen eine ganz andere.

Frederik Braune (BAG RelEx): Das heißt, aufgrund der Unterdrückung von Religion in der DDR gibt es in Ostdeutschland weniger Auseinandersetzung und Bewusstsein für religiöse Themen?

Wenke Krestin (Violence Prevention Network): Genau, es gibt keine Auseinandersetzung mit Religion. Es gibt bei den Personen, die sich in Ostdeutschland als konfessionslos identifizieren, wenig Verständnis darüber, wie gelebte Religion aussieht. Also, dass es zum Beispiel Widersprüche in der Religionsauslebung geben kann. Ich kann katholisch sein und trotzdem homosexuell. Ich kann muslimisch sein und trotzdem Alkohol trinken oder in einer unehelichen Partnerschaft leben. Also, die Diskrepanz zwischen den Regeln der Religion, die man in all den Büchern nachlesen kann, gerade bei den Buchreligionen, und der gelebten Religion ist viel größer. Wir erleben das oft in unseren Fortbildungen, dass wir wirklich so Fragen bekommen von Fachkräften, hochgebildeten Personen, die fragen, wie kann das sein, dass Muslime lügen? Das dürfen die doch gar nicht. Das ist der eine Punkt.

Und dazu kommt noch der Punkt, dass wir in vielen ostdeutschen Bundesländern einfach viel strukturschwacher sind, als in der großen Fläche in Westdeutschland gesprochen. Natürlich gibt es auch in Westdeutschland sehr strukturschwache Gegenden und auch dort gibt es dann sehr ähnliche Herausforderungen. Aber wir haben einfach in der Mehrheitsgesellschaft auch einen ganz anderen sozioökonomischen Druck, ein ganz anderes Gefühl des Nicht-Mit-Gedacht-Werdens, des Nicht-Mit-Gemeint-Seins.

Und ein dritter Aspekt ist, dass Migration zu DDR-Zeiten ja sehr, sehr abgeschottet war. Es gab auch in Westdeutschland jetzt keine groß angelegte Integration, aber die Menschen haben ja dort gelebt. Die haben irgendwann ihre Kinder nachgeholt, die Familiennachzüge haben stattgefunden und die Menschen haben sich einfach selbst integriert. Das war in Ostdeutschland gar nicht möglich. Das heißt, es gibt überhaupt in Regelstrukturen, gibt es sehr, sehr wenig Menschen, die selbst einen Migrationsbezug haben, eine Migrationsgeschichte haben oder auch eine Fluchtbiografie.

Das ändert sich gerade in unserer Generation bei den Leuten, würde ich sagen, Personen, die so in den 80er, 90er Jahren geboren sind. Aber in den Generationen davor sehen wir doch sehr, dass wir einfach eine sehr weiße, konfessionslose Gruppe von Fachkräften haben, die jetzt auf Jugendliche treffen, die sehr viel diverser aufgestellt sind und sehr andere Lebensrealitäten haben. Und dann ist das Verstehen schwierig und auch die Anknüpfungspunkte zu finden, ist sehr, sehr schwierig in diesem Bereich.

Frederik Braune (BAG RelEx):

Wenn wir über Ostdeutschland sprechen, wird häufig zu Recht über Rechtsextremismus als dominante Bedrohungslage diskutiert. Welche Auswirkungen hat das auf die Islamismusprävention und wie gelingt Präventionsarbeit in meinem Umfeld, an dem andere Extremismusphänomene oft stärker im Fokus stehen?

Wenke Krestin (Violence Prevention Network):

Ich glaube, man muss zur Kenntnis nehmen, dass Menschen, die migrantisiert werden, also die sozusagen von der Mehrheitsgesellschaft, denen von der Mehrheitsgesellschaft eine Migrationsgeschichte zugeschrieben wird, egal ob das stimmt oder nicht, dass die im ländlichen Raum in ostdeutschen Bundesländern einem größeren Bedrohungspotenzial ausgesetzt sind als in den Großstädten oder auch als in Westdeutschland. Weil, so wie du es richtig sagst, auch rechtsextremistische und rechtspopulistische Ideologien nicht nur gedacht werden, sondern ausgelebt werden.

Und wir haben in Sachsen, das berichten die Kollegen zum Beispiel von der RAA Opferberatung, die sich ja sehr stark engagieren und auch ansprechbar sind für Betroffene von allen möglichen Formen von Gewalt, dass es einfach Räume gibt und Landkreise gibt und Kommunen gibt, in denen wir ganz klar eine rechte Hegemonie haben. In den kleinen Kirchenvereinen, die es vielleicht doch gibt, in der Freiwilligen Feuerwehr, in den Unternehmen und natürlich auch in den Jugendclubs. Das heißt nicht, dass es an diesen Orten nicht auch Menschen gibt, die dagegen kämpfen, aber die sind bedroht und die sind leiser und müssen sich selbst schützen und müssen selbst schauen, wie sie vorankommen.

Das heißt, das Thema Rassismuserfahrung spielt für uns eine zentrale Rolle, wenn wir mit unseren Klientinnen und Klienten arbeiten. Das spiegelt sich zum Beispiel darin wieder, dass auch in unserem Team wir sehr darauf geachtet haben, eine gewisse Diversität herzustellen in verschiedenen Bereichen. Also nicht nur was vermeintliche Migrationsbezüge angeht, sondern auch was sozioökonomische oder Herkünfte aus ländlichen Regionen betrifft, damit wir dort Räume haben, um darüber sprechen zu können.

Weil ich als weiße Frau kann natürlich nicht mit jemandem, der von Rassismus betroffen ist, darüber sprechen, wie sich das anfühlt. Das würde das Thema absurd umfühlen. Das wissen alle, die in diesem Bereich arbeiten.

Und in diesem Kontext versuchen wir, die Jugendlichen abzuholen und bewegen uns immer in diesem Spannungsfeld, ihre Erfahrungen anzuerkennen und mit ihnen Strategien zu entwickeln, um damit umzugehen. Und gleichzeitig deutlich zu machen, dass wir jegliche Form der Gewalt ablehnen und dass es andere Antworten auf diesen Rassismus gibt, als sich extremistischen Akteuren anzuschließen. Aber das sind sehr herausfordernde Gespräche, weil wir sehr in den Zwischentönen arbeiten müssen.

Und Dinge, die extremistische Akteure benennen, haben ja immer ein fünkchen Wahrheit. Das ist ja die Herausforderung. Und genau da müssen wir dann auf die Suche gehen mit den Klientinnen, wie sie sich selbst gut schützen können, ohne gewalttätig zu werden oder sich außerhalb des Strafgesetzbuches und der Verfassung zu bewegen.

Das ist der eine Punkt. Der andere Punkt ist, dass wir durchaus auch merken bei unseren Anfragen, die wir bekommen, dass sehr, sehr viele Anfragen von einem Alltagsrassismus geprägt sind. Oder auch von einer Angst, wo ich jetzt gar keinen Alltagsrassismus unterstellen möchte.

Wenn eine Familie mit einer Konversion zu tun hat und die Tochter für sich selbst ein Lebensmodell wählt, was sehr viel weniger Freiheit für sie selbst beinhaltet, als das ihre Geschwister, ihre Mütter, ihre Großmütter auch erkämpft haben und auch gelebt haben in der DDR, dann ist das sehr mit Ängsten besetzt. Und dann haben wir also auch sehr viele Fälle, wo wir sagen würden, das bewegt sich im präventiven Bereich. Also wir haben es dann noch nicht mit Klientinnen und Klienten zu tun, die schon hochgradig ideologisiert sind oder verwurzelt sind in der Szene, sondern wir haben es hier auch mit jungen Frauen und jungen Männern zu tun, die sich am Anfang ihrer Suche befinden.

Das ist für uns wieder ein Vorteil, weil je früher wir mit den jungen Menschen in Kontakt kommen, je leichter können wir dann auch einsteigen in unsere Arbeit.

Frederik Braune (BAG RelEx):

Und sie sind dann wahrscheinlich auch noch leichter erreichbar und man kann leichter mit ihnen gemeinsam zusammenarbeiten.

Wenke Krestin (Violence Prevention Network):

Genau, sie sind leichter erreichbar, sie haben nicht auf alles sofort eine Antwort. Nichtsdestotrotz ist in unserer Arbeit immer die Herausforderung, dass wir haben Arbeitszeiten und wir haben bestimmte Momente, wo wir mit den Klienten und Klientinnen interagieren. Wenn wir weg sind, machen die ihr Handy auf, fragen auch die Prediger oder Akteure, denen sie vertrauen und dann ist es durchaus oft so, dass wir eine Woche später wiederkommen und das alles nochmal gecheckt wurde, was wir so gesagt haben.

Und dann muss man so ein bisschen gucken, wie man damit umgeht oder man hat eine Stunde darüber gesprochen, was wäre ein guter Koran, welchen Koran kann man sich kaufen, um auch vielleicht eine Vielfalt zu lesen. Dann kommen wir eine Woche später und es wird der Koran gekauft, den die extremistischen Akteure nahelegen. Das ist einfach unsere Arbeitspraxis, das unterscheidet sich jedoch, glaube ich, von in Ost- und Westdeutschland jetzt nicht so sehr.

Frederik Braune (BAG RelEx):

Du hast es ja eben schon mal angesprochen, Netzwerke sind einfach eine zentrale Rolle in eurer Arbeit. Mit welchen AkteurInnen der Regelstrukturen arbeitet ihr denn besonders eng zusammen?

Wenke Krestin (Violence Prevention Network):

Wir arbeiten sehr eng zusammen mit dem Landesamt für Schule und Bildung, so heißt es in Sachsen, in anderen Bundesländern heißt das anders. Sprich, das ist die Behörde, die zuständig ist für die LehrerInnen aus und Fortbildung. Da sind wir sehr eng und bilden Fortbildungen an, einerseits über diesen zentralen Punkt des Landesamtes für Schule und Bildung, aber auch individuell für einzelne Schulen.

Wir arbeiten sehr eng zusammen mit den Jugendämtern. Das ist immer abhängig davon, wo wir gerade fallspezifisch involviert sind. Also das können wir einfach nicht in der Fläche so halten für die ganze Zeit.

Wenn wir aber einen Fall im Landkreis Mittelsachsen haben, dann schauen wir, welches Jugendamt ist zuständig und versuchen dort Kontakte herzustellen, die dann hoffentlich etwas auch tragen, wenn der Fall irgendwann abgeschlossen ist. Wir arbeiten eng zusammen, wir schauen immer in den Fällen, welche, also es kommt ein bisschen darauf an, was die Person braucht. Wenn wir es mit jemandem zu tun haben, der so stark psychisch belastet ist, dass wir auch an die psychische Gesundheit denken müssen, dann arbeiten wir mit den Regelstrukturen der Gesundheitsakteure zusammen.

Also sprich schauen, gibt es Psychologen, Psychologinnen, gibt es Kinderkliniken, wo wir eng zusammenarbeiten können. Wir arbeiten zusammen mit der Jugendhilfe im Strafvollzug, also im Justizbereich sozusagen und auch mit den Justizbehörden, denn wir begleiten durchaus auch Fälle von Personen, die bereits inhaftiert sind und verurteilt sind. Das ist so ein bisschen der große Rahmen von den staatlichen Regelstrukturen.

Wir arbeiten aber in jedem Kontext auch immer zusammen mit anderen Beratungsträgern, mit anderen Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe oder der Kinder- und Jugendarbeit. Das ist einfach nötig, weil wir einen systemischen Ansatz haben. Das heißt, es geht ja darum, der jungen Person aufzuzeigen, was es noch für Möglichkeiten gibt, mit Herausforderungen umzugehen, die eben außerhalb der Lösungsvorschläge liegen, was die extremistischen Akteure anbieten.

Das heißt, ich gehe dann zu einer Familienberatung zum Beispiel, wenn es um das Thema Verhütung, Kinderwunsch geht. Ich gehe zu einer Migrationsberatung, wenn es darum geht, Fragen des Aufenthaltsstatus zu klären. Und das machen wir mit den Klienten und Klientinnen zusammen, damit sie selbst diese Regelstrukturen und diese Hilfsstrukturen, die in ihrem Nah- und Wohnreich existieren, kennenlernen und sie in Zukunft die selbst aufsuchen können und auch die Hemmung verlieren, diese anderen Stellen aufzusuchen.

Und der dritte Aspekt ist, dass wir mit den Trägern des Beratungsnetzwerkes sehr eng zusammenarbeiten. Wir haben in Sachsen unter dem Deckmantel der KORA, das ist die Koordinierungs- und Beratungsstelle Radikalisierungsprävention. Die ist Teil des Staatsministeriums für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt und die verantwortet all diese Beratungsangebote und dort haben wir ein Beratungsnetzwerk.

Das heißt, wir arbeiten sehr eng zusammen mit dem RAA Sachsen, wir arbeiten eng zusammen mit dem Netzwerk für Schule und Courage, wir arbeiten zusammen mit dem Kulturbüro, mit dem Aussteigerprogramm und mit PRODES von der AGJF. Das heißt, wir bekommen ja manchmal auch Anfragen, die so an der Grenze liegen. Geht es um Islamismus, geht es um Rechtsextremismus, man weiß es manchmal gar nicht so genau.

Oder geht es vielleicht auch um Islamismus und gleichzeitig ist die Person aber auch Opfer von Gewalt geworden. Also um diese Schnittstellen gut abdecken zu können, arbeiten wir sehr eng zusammen in diesen Netzwerken.

Frederik Braune (BAG RelEx):

Du hattest ja bereits ein paar Regelstrukturen benannt. Ich würde gerne nochmal genauer auf den Schulkontext eingehen. Ein wichtiger Bestandteil eurer Arbeit sind ja Schulworkshops.

Könnt ihr uns einen Einblick geben, wie ein solcher Workshop abläuft, welche Themen greift ihr auf, mit welchen Methoden arbeitet ihr und was sind die Bedarfe der SchülerInnen und aus welchen Gründen werdet ihr für Workshops angefragt?

Wenke Krestin (Violence Prevention Network):

Ja, da hast du völlig recht. Schule ist einer der größten Momente im Bereich der Islamismusprävention. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass man in Schule alle Jugendlichen und jungen Menschen erreicht.

Denn durch die Schulpflicht sind die in der Regel einfach dort und gut erreichbar. Wir werden angerufen von Lehrkräften, Vertrauenslehrern, oft aber von den Schulsozialarbeitenden. Das heißt, die Schulsozialarbeit in den Schulen sind für uns die Hauptansprechpartner und damit auch eine sehr, sehr wichtige Regelstruktur, die wir unterstützen und die uns unterstützt.

Und dann ist es oft so, dass es irgendeinen Vorfall gab in der Schule. Also zum Beispiel hatte ich letztens die Situation, dass mich eine Schulsozialarbeiterin angerufen hat und gesagt hat, hier bei uns in der Schule haben die Schüler angefangen, den Schulhof aufzuteilen. Sie haben den Schulhof aufgeteilt in eine deutsche Zone, das war der Fußballplatz, und in eine muslimische Zone, das war der Spielplatz.

Und die Schüler durften dann sozusagen, die deutschen Schüler oder als deutsch gelesene Schüler durften nicht mehr auf den Spielplatz und die muslimischen Schüler durften nicht mehr auf den Fußballplatz. Das heißt, man sieht auch hier, dass Schule nur durchs Brennglas verdeutlicht, wie unsere Gesellschaft gerade so funktioniert, denn es sind die großen Themen der Gesellschaft. Und die Schulsozialarbeit hat gesagt, ich habe mit den Personen geredet, aber das hat sich eben nicht geändert.

Was können wir denn da machen? Und dann schauen, versuchen wir rauszufinden, wer in so einem Kontext denn ein bisschen die Zügel in der Hand hält. Aus welcher Klasse kommen die?

Aus welcher Gruppe kommen die? Und dann gehen wir in die Gruppen oder in die Klassen. Das ist unterschiedlich.

Wenn wir kommen, kommen wir immer mindestens zweimal, weil wir ja auch erstmal ein Gefühl dafür entwickeln müssen. Was sind das eigentlich für Schüler und Schülerinnen? Welche Themen treiben sie um?

Es ist uns am liebsten, wenn wir einen Raum haben, in dem Lehrkräfte und Schulsozialarbeitende der Schule nicht teil sind, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass die Schüler und Schülerinnen dann auch nochmal offener über ihre Sorgen sprechen können. Vielleicht auch über die Rassismus-Erfahrungen, die sie im Kontext Schule machen. Die werden oft nicht gesehen oder da gibt es wenig Räume für und auch wenig Vertrauen, dass man das überhaupt aussprechen darf.

Und dann versuchen wir mit verschiedenen inhaltlichen Schwerpunkten immer darüber zu sprechen, wie sich die Schüler und Schülerinnen das gemeinsame Zusammenleben vorstellen. Das machen wir einmal über den Zugang Medien. Das heißt, wir kommen und es heißt dann, da kommen Externe, die wollen mit euch über Mediennutzung reden.

Und das ist der Workshop auch, der sich bei uns am meisten verändert, weil sich natürlich in dem Feld am meisten verändert. Das heißt, KI spielt eine große Rolle in diesem Workshop. Das finde ich Schüler und Schülerinnen immer sehr spannend, weil das ja in Schule noch nicht so eine große Rolle spielt, obwohl es alle irgendwie nutzen.

Das heißt, wir gucken dann auch, wie fair ist KI eigentlich und was passiert eigentlich, wenn ich was Bestimmtes prompte und was passiert nicht. Das ist ein Zugang. Wir reden sehr offen in diesen Kontexten auch darüber, wie Bilder manipuliert werden, wie Fake News hergestellt werden.

Woran erkennt man das? Wie checkt man das? Vieles wissen die Jugendlichen auch schon. Wir versuchen da ein bisschen über die Basics hinaus zu gehen, über die Google-Rückwärtssuche. Das ist ein Zugang. Wir machen aber auch die Erfahrung, dass es in den letzten zwei Jahren sehr, sehr viel schwerer geworden ist, im ländlichen Raum Schuh-Workshops anzubieten, die zum Beispiel heißen, Vielfalt als Ressource.

Da braucht man nicht in ländliche Räume gehen, sich vor eine Klasse stellen und sagen, wir wollen heute mal über Vielfalt reden. Dann können wir eigentlich wieder gehen. Das heißt, wir haben letztes Jahr ein ganz neues Konzept entwickelt.

Da sind wir zwei bis drei Tage in den Schulen und machen einen Song. Ich habe in meinem Team eine Künstlerin, die zusammen mit einem anderen Künstler dann in die Schulen geht und wir einerseits erstmal versuchen, deutlich zu machen, wie unterschiedlich ist Musik. Wir arbeiten dann viel auch mit Musik aus dem Nahen Osten, vielleicht Musik, die arabisch klingt, aber von einer christlichen Sängerin gesungen ist.

Das erkennen dann die muslimischen und arabischen Schülerinnen oft, weil sie das Teil ihres Kulturerbes ist und die Deutschen denken sofort, es ist arabisch, es muss natürlich muslimisch sein. Das heißt, wir können hier so Rollen umkehren, von wer kennt sich eigentlich aus. Das Ziel des Workshops ist es, einen Schul- oder Klassen-Song herzustellen.

Das heißt, wir haben alle demokratischen Prozesse da drin, die man braucht. Welches Thema, wer macht was, wollen wir es performen oder nicht. Das wird alles ausgehandelt, eineinhalb von zwei bis drei Tagen und die Jugendlichen haben am Ende was in der Hand.

Schüler und Schülerinnen sind sichtbar geworden, die vorher nicht sichtbar waren. Wir können besser mit Sprachbarrieren umgehen, weil Musik weniger über Sprechen und Lesen funktioniert. Und die Schüler und Schülerinnen haben sozusagen dann Vielfalt und Demokratie erlebt, ohne dass sie es so explizit vorgesetzt bekommen haben.

Das heißt, zusammengefasst, wir müssen bei Schulworkshops in ländlichen Räumen in Ostdeutschland sehr viel kreativere und lebensnahere Zugänge wählen, um die Themen, die uns wichtig sind, nämlich Antidiskriminierung, Ankämpfen gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Demokratiebildung, um das zu setzen.

Frederik Braune (BAG RelEx): Quasi die Themen dann trotzdem setzen zu können, ohne sie als solches zu benennen, das ist so eine zentrale Herausforderung, vor der ihr steht, den ihr aber, wie du gerade sehr eindrücklich berichtet hast, doch sehr kreativ begegnet. Ihr kennt ja die Präventionsarbeit in Sachsen sehr gut, von den großen Städten Leipzig, Dresden bis hin zu kleinen Gemeinden. Wenn du auf eure Arbeit blickst, vor welchen Herausforderungen steht die Islamismusprävention derzeit, insbesondere mit Blick auf die gesellschaftliche, aber auch die politischen Entwicklungen?

Eins davon hast du ja gerade schon benannt gehabt. Gibt es da noch weitere?

Wenke Krestin (Violence Prevention Network): Ist schwierig zu sagen, was jetzt die größten Herausforderungen sind. Ich glaube, eine sehr, sehr große Herausforderung ist, dass die Regelstrukturen immer weiter unter Druck geraten und dadurch Dinge, die in den Regelstrukturen eigentlich stattfinden sollten, dort nicht mehr stattfinden können. Und dann eben Akteure wie wir.

Frederik Braune (BAG RelEx): Hast du dann ein Beispiel?

Wenke Krestin (Violence Prevention Network): Ja, wenn zum Beispiel in einer Oberschule die Schulsozialarbeit von zwei Stellen auf eine Stelle zusammengekürzt wird und eine Schulsozialarbeiterin für 400, 600 Schüler zuständig sein soll, dann ist es schlicht nicht möglich. Dann kann sie nicht in der Fläche auffangen, was dort auf dem Schulhof passiert. Wenn in Schule Schulen damit zu tun haben, dass es gar keine Lehrkräfte gibt, sodass man im Prinzip eigentlich externe Akteure reinholen möchte, um überhaupt den Regelunterricht abzudecken, dann kann ich auch nicht erwarten, dass eine Lehrkraft oder eine Schulsozialarbeit total empathisch immer an den Bedürfnissen und Herausforderungen der Jugendlichen dran ist.

Oder sich jetzt auch noch Zeit nimmt, selbst eine kreative Lösung für eben das von mir angesprochene Beispiel mit dem Schulhof zu finden. Dann kann die Schulsozialarbeit kann dann einfach nur sagen, okay, ich rede mal mit dem und dem und wenn der sagt, naja, wir machen das aber so, weil weiß ich nicht, in den Nachrichten, in der Zeitung, zu Hause am Küchentisch, in der Politik, dann fehlt es. Sie kann sich ja nicht zerteilen, sie kann ja nicht in fünf Klassen gleichzeitig einen Workshop geben, wo es um Verständnis geht oder Toleranz.

Das heißt, das ist ein Punkt. Wenn Jugendclubs geschlossen werden, wenn Jugendclubs sich selbst überlassen werden, selbstverwaltete Jugendclubs, habe ich in einem Landkreis gehört, dort gibt es überhaupt keine Fachkräfte, die in den Jugendclubs arbeiten. Die Jugendclubs werden von den Jugendlichen selbstverwaltet in einem Landkreis, der eine sehr hohe Zustimmungsrate zu rechten und rechtspopulistischen Parteien hat.

Dann habe ich ungefähr eine Vorstellung davon, wie es in diesen Jugendclubs aussieht. Das hat auch damit zu tun, dass ich selber ja ein Kind der sogenannten Baseballschlägerjahre bin und ich einfach weiß, wie in den 90er Jahren im ländlichen Raum in Ostdeutschland Jugendclubs ausgesehen haben. Das ist eine Herausforderung.

Uns brechen Verweisstrukturen weg, uns brechen die Möglichkeiten weg, Jugendliche, die psychische Herausforderungen haben, schnell in gute professionelle Hilfe zu bringen. Das heißt, wenn es Wartezeiten gibt von mehreren Monaten, dann haben wir bei Violence Prevention Network die Möglichkeit, das ein wenig abzufedern, weil wir haben einen Fachbereich Psychotherapie, wo sehr kompetente Kollegen und Kolleginnen sowohl uns wie unsere Klientinnen unterstützen können. Aber das ist keine Therapie und es ersetzt auch keine Therapie.

Es kann eine Notfalllösung sein. Das ist der eine Punkt. Das heißt, die Handlungsspielräume werden schwieriger.

Wir haben natürlich auch Klienten und Klientinnen, die keine deutschen Staatsbürgerinnen sind. Das macht bei uns ungefähr die Hälfte der Klienten und Klientinnen aus. Es ist also ein geringerer Anteil, als man allgemein denkt, aber es ist trotzdem eine Zahl, die uns beschäftigt.

Und wenn die Asylpolitik die Richtung weiterverfolgt, die sie jetzt eingeschlagen hat, dann heißt das, dass wir Klienten und Klientinnen gar nicht mehr begleiten können im Sinne der Distanzierungsberatung, sondern im Sinne von wir bereiten die Personen auf eine Abschiebung vor. Und das ist eine ganz andere Arbeit.

Frederik Braune (BAG RelEx): Zum Abschluss würden wir gerne nochmal den Blick nach vorne richten. Welche Stärken bringt der ländliche Raum für die Islamismusprävention mit und welche Rahmenbedingungen braucht es, damit Präventionsarbeit dort langfristig erfolgreich sein kann?

Wenke Krestin (Violence Prevention Network): Die Stärke des ländlichen Raumes ist, dass es eine andere Vernetztheit der Personen untereinander gibt. Man kennt sich. Das ist natürlich ein Nachteil und Vorteil, wenn es manchmal darum geht, dass wir vielleicht für unsere Klienten und Klientinnen gewisse Dinge erreichen wollen und die sind irgendwie in den Nachrichten aufgetaucht.

Dann muss da gar kein Klarname stehen, dann reicht es manchmal schon, da steht so ein bisschen die Straße oder so, dann ist es schon identifizierbar und dann wissen auch alle in den Behörden über die Behörden hinweg, um wen es geht und worum es geht. Das kann man aber auch zu seinem Vorteil nutzen, denn die Leute kennen sich nochmal anders. Man kann also auch anders, wenn man es schafft, die Personen auf der empathischen Ebene zu erreichen, nochmal anders versuchen, Ideen zu entwickeln, kreativere Ideen vielleicht zu entwickeln, weil es auch andere Räume gibt, die es in der Großstadt gar nicht gibt, weil es einfach mehr Fläche gibt und dadurch auch es vielleicht kreativere Jugendangebote gibt, die viel großräumiger aufgezogen sind als ein Jugendtreff in einem bestimmten Stadtteil in Dresden, Chemnitz oder Leipzig.

Viel größeres Angebot hat. Das ist eine Ressource. Eine Ressource ist auch, dass wir haben in jedem Landkreis, in jeder Region haben wir Menschen, die für unsere freiheitliche demokratische Grundordnung einstehen, die eine Vision davon haben, wie Deutschland sein soll, wie Integration funktionieren soll und ein Miteinander.

Und diese Menschen kann man erreichen. Und da sind wir gut vernetzt, gut beraten, uns dann mit den anderen Trägern zusammenzutun, zum Beispiel mit dem Kulturbüro oder dem RAA und dort anzufragen, wo man Unterstützung bekommen kann. Das sind die Chancen im ländlichen Raum.

Was wir als Rahmenbedingungen brauchen, um dort gut arbeiten zu können, ist, es ist ein bisschen müßig, ich mache es trotzdem an der Stelle, weil es ist einfach wichtig, alle Akteure, die sich für eine vielfältige Gesellschaft einsetzen, brauchen einfach gute finanzielle Mittel, damit sie diese Arbeit überhaupt machen können. Und sie brauchen eine Rückendeckung. Und sie brauchen auch eine Rückendeckung von der Politik.

Das ist auch im ländlichen Raum manchmal sogar ein bisschen leichter, weil man ja den Landtagsabgeordneten gut kennt. Der wohnt vielleicht sogar im gleichen Dorf und nur drei Straßen weiter. Also hat man andere Möglichkeiten, miteinander in die Aktion zu gehen und auch deutlich zu machen, ey, das ist wichtig, dass wir hier sind. Bitte setz dich dafür ein, dass dieser Jugendclub bleibt, dass dieses Angebot bleibt, dass es hier ein Konzert geben kann. Das ist es.

Frederik Braune (BAG RelEx): Liebe Wenke, vielen Dank an dieser Stelle für die spannenden Einblicke in die Arbeit der Beratungsstelle VPN in Sachsen.

Wenke Krestin (Violence Prevention Network): Vielen Dank, Frederik, dass ich hier sein durfte.

Frederik Braune (BAG RelEx): Neben Sachsen wollen wir auch den Blick nach Mecklenburg-Vorpommern richten. Uns war wichtig, das Thema nicht nur aus einer Perspektive zu beleuchten, sondern Erfahrungen aus unterschiedlichen ostdeutschen Bundesländern zusammenzubringen. Denn obwohl viele Regionen vor ähnlichen strukturellen Herausforderungen stehen, unterscheiden sich die lokalen Rahmenbedingungen und die Ansätze der Präventionsarbeit oft.

Ulrike Hoole (BAG RelEx): Dazu haben wir mit einer Mitarbeiterin von Bidaya gesprochen, der landesweiten Fachstelle für Prävention religiös begründeten Extremismus in Mecklenburg-Vorpommern. Sie unterstützt landesweit mit Bildungs- und Beratungsangeboten sowie Ausstiegs- und Distanzierungsbegleitung für Betroffene, Angehörige und Fachkräfte. Wir haben sie gefragt, wie gelingt Islamismusprävention in einem Umfeld, in dem andere Extremismusphänomene oft stärker im Fokus stehen? Warum lohnt sich gerade der Blick auf Ostdeutschland und welche Rolle spielen Schulen, Jugendhilfe und andere Regelstrukturen für eine erfolgreiche Präventionsarbeit?

Fachstelle Bidaya: In der Islamismusprävention wird leider auch von der westdeutschen Großstadtperspektive auf das gesamte Land geschaut. Diese Perspektive ist für Mecklenburg-Vorpommern durchaus ungünstig. Wir sind eben ein Flächenland, das per Definition ja gerade einmal eine Großstadt hat.

Es gibt Großstädte in Deutschland, die haben mehr Einwohner als unser gesamtes Bundesland. Wir können uns und unsere Strukturen nicht mit den großen und bevölkerungsreichen Bundesländern vergleichen. Schauen wir auf den Islamismus, reden wir hier von keinen bis kaum vorhandenen gefestigten Strukturen.

Wir beobachten in letzter Zeit jedoch, dass auch bundesweite Organisationen Interesse an Mecklenburg-Vorpommern entwickeln. Und das müssen wir natürlich weiter im Auge behalten. Ich glaube, vom Grundsatz her ist unsere Arbeit nicht anders als in anderen Bundesländern, nur dass die Voraussetzungen vielleicht etwas anders sind.

Und die eine Bedrohungslage macht eine andere nicht kleiner oder weniger gefährlich. Die rechtsextremistischen Szenen und Gruppierungen sind mitunter bekannter und können so besser beobachtet werden. Im Islamismusbereich gibt es keine bekannten gefestigten Strukturen.

Aber laut dem Verfassungsvorsitzenden des Landes ist die Anzahl des Personenpotenzials im letzten Jahr leicht angestiegen. Es ist aber vielleicht weniger sichtbar. Radikalisierte Einzelpersonen oder kleinere Gruppen gelangten noch nicht ins Blickfeld, wie es vielleicht gut wäre.

Und das macht es schwierig. Und wir sind auf Hinweise aus den Netzwerken und von anderen Personen abhängig. Naja, und was nicht in der Öffentlichkeit passiert, geschieht im Internet.

Aber auch das hat sicher nichts mit der, wie wurde es in der Frage ausgedrückt, dominanten Bedrohungslage des Rechtsextremismus zu tun. Dass sich immer mehr vorrangig junge Menschen im Netz radikalisieren und das in allen Extremismusbereichen, ist keine Besonderheit für unser Bundesland. Oder vielleicht doch, weil es eben keine großen Strukturen im realen Leben vor Ort gibt, die gleichermaßen auf junge Menschen einwirken können.

Wir haben hier außerdem viel mit Vorurteilen gegen muslimische und als muslimisch gelesene Menschen zu kämpfen. Häufig kommen dann beratungsnehmende Personen aus Unwissenheit schneller mit dem Islamismusverdacht. Auch hier müssen wir viel Aufklärungsarbeit leisten.

Hier, wo viele Menschen wenig Kontakt zu muslimischen Menschen haben, wissen sie über den Islam häufig nur das, was durch die Medien transportiert wird. Und das in den seltensten Fällen positiv. Und was Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen gerade mit jungen Menschen machen können, muss ich glaube ich hier nicht erklären.

Vielleicht, aber da bin ich mir unsicher, müssen wir viel mehr Aufklärungsarbeit leisten als in den anderen Bundesländern. Und das in beiden Themenfeldern. Islam und in Abgrenzung dazu zum Islamismus.

Frederik Braune (BAG RelEx): Vielen Dank an Wenke Krestin und unsere Gesprächspartnerin von der Fachstelle Bidaya für ihre Einblicke.

Ulrike Hoole (BAG RelEx): Die Gespräche mit Ihnen haben gezeigt, Islamismusprävention im ländlichen Raum bringt besondere Herausforderungen mit sich. Historisch spielt Religion in vielen Regionen Ostdeutschlands eine ganz andere Rolle als in Westdeutschland. Dazu kommen eine andere Migrationsgeschichte, strukturschwache Regionen und die Erfahrung vieler MuslimInnen mit Vorurteilen und Diskriminierung konfrontiert zu sein.

Umso wichtiger ist es, Prävention an den jeweiligen regionalen Kontext anzupassen.

Frederik Braune (BAG RelEx): Gleichzeitig wurde deutlich, dass der ländliche Raum auch besondere Stärken mitbringt. Kurze Wege, enge Netzwerke und eine gute Zusammenarbeit zwischen Schulen, Jugendhilfe, Beratungsstellen und weiteren AkteurInnen können wichtige Voraussetzungen für wirksame Präventionsarbeit sein. Vorausgesetzt, sie erhält die nötige Unterstützung und Rückendeckung auch aus Politik und Verwaltung.

Ulrike Hoole (BAG RelEx): Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieser Folge. Prävention lebt von Dialog. Gerade dort, wo wenig Wissen über den Islam oder Islamismus vorhanden ist und andere Themen den öffentlichen Diskurs prägen, kommt es darauf an, im Gespräch zu bleiben, Vertrauen aufzubauen und Demokratiebildung kreativ und lebensweltnah zu gestalten.

Frederik Braune (BAG RelEx): Wenn ihr mehr über die Arbeit unserer Gäste erfahren möchtet, schaut gerne in die Shownotes. Dort findet ihr weiterführende Informationen und Links zu den vorgestellten Projekten.

Ulrike Hoole (BAG RelEx): In unserer nächsten und letzten Folge des Jahres, die von unseren KollegInnen der IFAK umgesetzt wird, schauen wir auf ein weiteres wichtiges Thema der Islamismusprävention. Weibliche Attraktivitätsmomente für eine Hinwendung zum Extremismus. Also auf Frauen- und Mädchenspezifische Radikalisierungsmotive und Präventionsansätze.

Vielen Dank fürs Zuhören. Wenn euch die Folge gefallen hat, abonniert KN:IX Talks gerne auf eurer Podcastplattform und empfiehlt uns weiter. Bis zum nächsten Mal.

Inhaltliche Vorbereitung, Moderation und technische Umsetzung Ulrike Hoole und Frederik Braune.

Charlotte Leikert (BAG RelEx): Dieser Podcast ist Teil von KN:IX Connect, dem Verbund Islamismusprävention und Demokratieförderung. KN:IX Connect wird umgesetzt von ufuk.de, Modus|zad, Modus Zentrum für angewandte Radikalisierungsforschung, IFAK, Verein für Multikulturelle Kinder- und Jugendhilfe Migrationsarbeit und der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus, kurz BAG RelEx. Alle Träger werden im Rahmen von KN:IX Connect durch das Bundesprogramm Demokratie Leben! des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.

Weitere Förderung erhalten wir von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt. Der Podcast stellt keine Meinungsäußerungen des BMBFSFJ, des BAFZA oder der weiteren Mittelgeber dar. Für inhaltliche Aussagen und Meinungsäußerungen tragen die Publizierenden dieser Veröffentlichung die Verantwortung.

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