Folge #44 | Radikale Entlastung
Shownotes
Weiterführende Infos
Dickmann-Kacskovics, L., Schwarz, M., & Krämer, M. (2026). Zwischen Idealisierung und Gehorsam: Die Darstellung von Ehe und Partnerschaft durch Frauen im salafistischen Spektrum auf TikTok – Implikationen für eine gendersensible Beratungspraxis. In I. Holz & S. G. Humer (Hrsg.), Extremistinnen und Terroristinnen. Rollen, Funktion und Bedeutung von Frauen in Extremismus und Terrorismus (S. 161–180). De Gruyter.
Dickmann-Kacskovics, L., & Elemenler, D. (2025). Vulnerabilitäten verstehen, Resilienz fördern: Lehren aus der biografieanalytischen Salafismusforschung für die Präventionsarbeit mit (geflüchteten) Mädchen. In IFAK e.V. (Hrsg.), Impulse zur Demokratieförderung und Islamismusprävention. Fachpublikation Radikalisierung, Flucht und Prävention – Herausforderungen und Perspektiven (S. 54–63). https://kn-ix.de/2025/12/02/radikalisierung-flucht-praevention/
Dickmann-Kacskovics, L. (2024). Junge Salafitinnen in Deutschland. Biographische Verläufe, Orientierungs- und Handlungsmuster. Eine qualitativ-empirische Studie. transcript. Dickmann-Kacskovics, L. (2023). „Das hat mir gefehlt. Irgendwas, wo ich mich dran festhalten kann." (Frühe) Biographische Erfahrungen junger Frauen in salafitischen Gruppierungen in Deutschland. In J. Langner, M. Zschach, M. Schott & I. Weigelt (Hrsg.), Jugend und islamistischer Extremismus. Pädagogik im Spannungsfeld von Radikalisierung und Distanzierung (S. 107–126). Barbara Budrich.
Im Podcast zu Gast Esim Karakuyu ist Beraterin und Projektmitarbeiterin bei der Beratungsstelle Extremismus. Sie kommt aus der gendersensiblen und rassismuskritischen Jugendarbeit und beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Identitäts- und Ausgrenzungsprozresse, Radikalisierung und Social Media. Neben ihrer Beratungsarbeit entwickelt und begleitet sie verschiedene partizipative Social-Media-Projekte. Sie ist Co - Autorin von "Die alternative Held:innenreise. Digital Storytelling von Unten.", 2025 im Mandelbaum Verlag.
Laura Dickmann-Kacskovics, ist Lehrbeauftragte für Soziale Arbeit an mehreren Hochschulen. Die Systemische Beraterin arbeitet seit 2017 in der Präventions- und Distanzierungsarbeit im Kontext des religiös begründeten Extremismus in Frankfurt am Main. Sie promovierte an der Universität Bremen am Institut für Religionswissenschaft /-pädagogik und studierte in Köln und London.
Transkript anzeigen
Transkript
Laura: Wir erleben bei den Frauen auch, und das finde ich ganz spannend, eine subjektive Emanzipation. Also die Frauen, die entscheiden sich ganz bewusst für die Vollverschleierung, oftmals gegen den Widerstand von Eltern, insbesondere auch wenn sie selbst muslimisch sind. Aber gerade der Gesichtsschleier wird doch von vielen Eltern abgelehnt, in den Schulen sowieso.
Aber von den jungen Frauen wird das als ein emanzipatorischer Akt der Selbstbestimmung und der Freiheit interpretiert. Also sie entscheiden, wer sie wann sehen darf. Das heißt, es gibt eine Machtumkehr durch Unsichtbarkeit.
Esim: Also die Erzählung, dass die Frau die Fürsorgliche, die Barmherzige ist, die alles auffängt, die immer auch sehr mütterlich ist sozusagen, aber auch die starke Frau für den Mann, der sich dann aber auch nur zu Hause fallen lassen kann sozusagen, weil er dann da draußen der Starke ist sozusagen. Und ich erlebe das so, dass die jungen Frauen das im ersten Moment oder in der ersten Zeit immer als Erleichterung wahrnehmen, dass diese Rollen sehr klar sind.
Anja: Hallo und herzlich willkommen zur 44. Folge von Knix Talks. Mein Name ist Anja Joost und ich hoste diese Folge für IFAK-TV, den Verein für Multikulturelle Kinder- und Jugendhilfe, Migrationsarbeit.
Geschlecht gilt heute in der Extremismusforschung als eine eigenständige Analysekategorie. Aber das war nicht immer so. Lange wurde kaum danach gefragt, welche Bedeutung Geschlecht für Radikalisierungsprozesse überhaupt hat, und die Forschung orientierte sich überwiegend an den Erfahrungen radikalisierter Männer.
Mehr noch, Frauen wurden kaum als eigenständige Akteurinnen wahrgenommen, wenn sie überhaupt in den Blick gerieten, dann meist als Mitläuferinnen, Ehefrauen oder passive Begleiterinnen radikalisierter Männer. Ihre eigene Hinwendung zur Ideologie, ihre Motive und ihre aktive Rolle innerhalb extremistischer Strukturen fanden dabei kaum Beachtung. Dadurch blieben die Perspektiven, Lebensrealitäten und spezifischen Dynamiken junger Frauen weitgehend unsichtbar.
Erst nach und nach hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Frauen nicht nur Mitläuferinnen sind, sondern eigenständige Akteurinnen, die sich auch aus ganz eigenen Motiven der extremistischen Szene zuwenden und innerhalb dieser auch ganz unterschiedliche Rollen übernehmen können. Zugleich wurde deutlich, dass Frauen nicht unbedingt den gleichen Radikalisierungsdynamiken folgen wie Männer, sondern dass Geschlecht sowohl die Motive einer Hinwendung als auch die Attraktivität extremistischer Angebote entscheidend mitprägen kann. Mit dieser erweiterten Sicht auf Radikalisierungsprozesse rückte die Frage in den Mittelpunkt, warum der Islamismus gerade mit seinen rigiden Rollen und Gechlechterbildern für einige junge Frauen so attraktiv sein kann und damit zusammenhängen, was versprechen klare Rollen, Gemeinschaft und Ideologie den jungen Frauen und warum können gerade Angebote, die von außen oft als Einschränkung erscheinen, subjektiv als Halt, Orientierung oder sogar Entlastung erlebt werden. Um dieser Frage nachzugehen, werfen wir in dieser Folge einen Blick auf die Lebensphase, in der viele Hinwendungsprozesse stattfinden, nämlich auf die Adoleszenz. Wir fragen uns, welche Herausforderungen und widersprüchlichen Erwartungen junge Frauen in dieser Phase erleben, aber auch, welche Bedürfnisse extremistische Angebote aufgreifen können und welche Funktionen dabei Ideologie, Gemeinschaft und Geschlechterrollen haben können.
Dabei soll sowohl eine wissenschaftliche als auch eine praktische Perspektive zu Wort kommen. Die wissenschaftliche Perspektive beleuchte ich mit Dr. Laura Dickmann-Kacskocics. Sie ist Professorin für Sozialarbeit an der IU und pädagogische Mitarbeiterin beim Violence Provention Network.
Im Rahmen ihrer Dissertation hat sie die biografischen Verläufe und Orientierungs- und Handlungsmuster junger Salafitinnen untersucht. Auf die Perspektive aus der Praxis gehe ich anschließend mit Esim Karakuyu von der Beratungsstelle Extremismus in Wien ein. Mit ihr werfe ich einen Blick darauf, wie sich geschlechterspezifische Dynamiken in der konkreten Beratungsarbeit zeigen, welche Themen junge Frauen mitbringen und was es braucht, um sie überhaupt zu erreichen.
Laura, du hast zu deiner Doktorarbeit über mehrere Jahre einen tiefen Einblick in eine Welt gewonnen, die eigentlich als extrem abgeschottet und misstrauisch gilt. Bevor wir über deine Ergebnisse sprechen, würde mich interessieren, wie nähert man sich als Forscherin überhaupt so einem Feld an und wie bist du an deine Daten und vor allem an das Vertrauen der jungen Frauen gekommen?
Laura: In das salafistische Feld bin ich zunächst über soziale Medien wie damals Facebook gekommen. Die Feldforschung hatte im Jahr 2014 angefangen, das ist jetzt also eine ganze Weile schon her. Und ich bin auf der Pierre Vogel Fanpage gelandet und habe mir dort Profile angeschaut, habe mich durchgeklickt, bis ich zu Profilen gekommen bin, von denen ich davon ausging, ja, da könnte ein Mädchen, eine junge Frau dahinter stecken, die sich selbst im sogenannten Salafismus verortet.
Ich habe diese dann angeschrieben, immer mit Klarnamen, dass ich nicht zum Islam kommentieren möchte, sondern dass ich verstehen möchte und dass ich eine Doktorarbeit schreibe und gerne Einblicke bekommen möchte in die Lebenswelt und gerne Interviews führen möchte. Und das große Schlagwort war eben, ich möchte verstehen. Und tatsächlich haben die Frauen bis auf eine Ausnahme sehr, sehr oft reagiert.
Und als ich dann einen Kontakt hatte, wurde ich sozusagen weitervermittelt. In der Sozialforschung nennen wir das Schneeballprinzip. Ich wurde dann also empfohlen und konnte deutschlandweit junge Frauen treffen, die eben genau auf dem Weg der Salaf sind.
Ich habe sie im Alltag auch beobachtet. Ich habe sie bei alltäglichen Aktivitäten begleitet, wie zum Beispiel das Abholen der Kinder in der Kita. Ich wurde aber auch auf Hochzeiten eingeladen oder ich habe eine Zeit lang samstagsvormittags an einem Islamunterricht teilgenommen.
Ja, und habe eben mit acht jungen Frauen narrativ-biografische Interviews geführt und deren biografische Wege, deren Orientierungs- und Handlungsmuster rekonstruiert, um dann daraus Schlüsse zu ziehen, wie können wir präventiv arbeiten, wie funktioniert diese Hinwendung zum sogenannten Salafismus und was können wir tun, ja, um eine Distanzierung vielleicht anzustoßen.
Anja: Was genau war eigentlich die zentrale Forschungsfrage deiner Dissertation und was mich eigentlich noch viel mehr interessiert, was hat dich wissenschaftlich, aber auch ganz persönlich dazu bewogen, sich diesem Themenfeld zu verschreiben?
Laura: Die zentrale Forschungsfrage war tatsächlich, eine Verstehensperspektive einzunehmen. Also die Frage, wie sich nachvollziehen lässt, dass eine in Deutschland sozialisierte junge Frau sich dem sogenannten Salafismus zuwendet. Welcher subjektive Sinn dahinter steht?
Warum macht sie das? Welchen Sinn hat das? Und welche Funktion vor allem nimmt das in ihrer Biografie ein?
Und dann auch verbunden mit der Frage, welche Implikationen hat das denn nun für ihre Lebensführung? Und im Jahr 2014, da galt es, eine signifikante Forschungslücke im Bereich der Mädchen- und Weiblichkeitsforschung zu schließen. Bislang wurde eher zu männlichen Wegen zum sogenannten Salafismus geforscht.
Man hatte sich auch Gerichtsakten Angeklagter angeschaut. Man hatte Praktikerinnen in der Präventionslandschaft interviewt, die sehr, sehr wertvolle, wichtige Einblicke brachten. Aber was fehlte, ist die Binnenperspektive basierend auf Primärdaten, dass man mit den jungen Frauen gesprochen hat, sie zu ihren Lebensgeschichten befragt hat, sozusagen die Primärquellen hatte.
Und genau zu dieser Forschungslücke wollte ich gerne etwas beitragen. Mir war es auch wichtig, ich bin Sozialarbeiterin von Haus aus, dass die Konzepte und Methoden, die jetzt in den letzten Jahren entwickelt wurden, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen sind. Das hat mir viel Freude bereitet.
Seit 14 Jahren beschäftige ich mich mit Mädchen und jungen Frauen im Salafismus. Das fing sogar schon mit meiner Bachelorarbeit an, also eine ganze Weile.
Anja: Was würdest du denn sagen, warum wurde weibliche Radikalisierung lange unterschätzt?
Laura: Zunächst wurde in Wissenschaft, in den Medien und auch in der sozialarbeiterischen Praxis auf jeden Fall ein großer Fokus auf männliche Prediger und Akteure und Anhänger gelegt. Die waren sichtbar. Ich erinnere mich an die Koranverteilaktion LIES in deutschen Innenstädten, öffentliche Kundgebung von Pierre Vogel auf Marktplätzen, gemeinsame Gebete.
Und entsprechend der Ideologie sind Frauen eher im Hintergrund. Einige meiner Interviewpartnerinnen, denen war es auch nicht erlaubt, das Haus zu verlassen, nur in ganz dringenden Fällen. Das heißt, wir haben eine räumliche Unsichtbarkeit, eben im Einklang mit diesen salafistischen Normen.
Nichtsdestotrotz sind die Frauen, die Mädchen und jungen Frauen aber sehr aktiv. Ja, sie agieren aus dem häuslichen Bereich heraus, aber vornehmlich in den sozialen Medien, wie beispielsweise auf TikTok. Das sind reichweitenstarke Plattformen, wo auch weibliche Accounts, die hochgradig anonymisiert sind, das heißt, man sieht zum Beispiel keine Gesichter.
Hanna Hansen ist ganz bekannt. Das ist jetzt eine Ausnahme. Nicht die einzige, aber zur Zeit meiner Feldforschung gab es das eben noch nicht, dass Mädchen und Frauen ihr Gesicht gezeigt haben und öffentlich gesprochen haben.
Das heißt, es war einfach nicht so sichtbar. Und dementsprechend war vielleicht auch nicht so die Bedrohungsperspektive da. Ganz wichtig war mir auch, dass ich weggehe von der Bedrohungsperspektive und eine Verstehensperspektive einnehme.
Anja: Was wissen wir heute eigentlich genau über die Radikalisierungsprozesse junger Frauen?
Laura: Wir wissen, dass die Hinwendung zu diesen fundamentalistischen Strömungen, egal welcher Strömung, das geht ja von pietistisch über missionarisch bis zu gewaltlegitimierend, gewaltbereit, dass das nicht primär ein theologischer Prozess ist, sondern gesehen werden kann als ein Versuch, eine biografische Krise zu bewältigen. Wir sehen in den Biografien, dass sie immer subjektiv sinnhaft sind. Es hat immer einen Sinn, dass die junge Frau mit ihrem Werdegang, mit dem, was ihr in ihrem Leben widerfahren ist, dass sie einen Lösungsversuch wagte und den eben im Salafismus gefunden hat.
Und der hätte tatsächlich auch woanders sein können. Das heißt, wir haben eine distruptive Verhaltensweise, die als Lösungsversuch für biografische Krisenerfahrung gesehen wird. Biografische Krisenerfahrung, das können zum Beispiel biografische Brüche sein, familiäre Krisen.
Ich habe eine Interviewpartnerin, die Suleya, die Namen sind immer pseudonymisiert, deren Mutter gestorben ist, als Suleya 18 Jahre alt war. Und das jüngste Geschwisterkind war gerade erst ein Jahr alt. Und die Suleya ist dann in eine große Verantwortungsrolle gekommen.
Der Vater war auch erkrankt. Und Suleya hat sich um ihre Geschwister gekümmert. Gleichzeitig hat sie sich ganz einsam gefühlt.
Es war kein Raum, da zu trauern. Da gab es kein Unterstützungssystem. Und sie hatte auch den Kontakt mit ihren Freundinnen abgebrochen.
Und durch eine Peer-Person, also eine gleichaltrige Mitschülerin, die auch gerade, Zitat: „so frisch auf diesem Weg war“, dem Weg des Salaf zu folgen, hat sie eben die Ideologie kennengelernt und dort, ja, Zugehörigkeit erlebt, Orientierung erlebt, Halt erfahren, eben das, was sie in dieser Situation brauchte. Das heißt, es geht um Bedürfnisse, die nicht erfüllt werden. Und der Versuch, diese Bedürfnisse zu erfüllen, eben mit der Hinwendung zum Salafismus.
Das heißt, und nochmal an den Anfang zurückzukommen, es ist nicht primär ein theologischer Prozess aus einem konservativ-muslimischen Elternhaus hin zu einer Radikalisierung. Das Gegenteil ist der Fall. Das heißt, religiöse Bildung schützt davor, sich in einem Radikalisierungsprozess zu bewegen.
Was ich in allen Interviews gesehen habe, war eine fehlende religiöse Bildung. Die Frauen waren entweder zum Islam konvertiert oder in muslimische Familien geboren, wo aber Religion und religiöse Bildung kaum oder keine große Rolle spielte. Das heißt, wenn man keine fundierte religiöse Sozialisation erfahren hat, war es in diesen Fällen so, dass sie besonders empfänglich waren für diese vereinfachten dogmatischen Heilsversprechungen, die eben der Salafismus bietet.
Es gibt ja auf alle Fragen sofort eine ganz, ganz einfache Lösung.
Anja: Was würdest du sagen, warum ist die Jugendphase eigentlich so eine sensible Phase? Welche spezifischen Herausforderungen erleben junge Frauen in dieser Zeit? Und welche Bedeutungen haben dabei Körper, Scham und Sexualität?
Laura: Die Adoleszenz gilt per se als eine Phase der Identitätsdiffusion. Das heißt, wer bin ich? Wo gehöre ich hin?
An was glaube ich? Wie ist meine Weltanschauung? Das heißt, wir haben diese Suche nach einer Identität, nach einer Rolle, wo gehöre ich hin, in einer sehr individualisierten Gesellschaft.
Und das ist eine enorme Entwicklungsaufgabe, die in dieser Altersgruppe eben zu bewältigen ist. Zu Beginn der Pubertät habe ich die körperliche Reifung, die erste Menstruation, das Brustwachstum. Das ist für viele Mädchen mit Verunsicherung verbunden oder auch mit Scham.
Und dann haben wir die Konfrontation mit einer, ja, mit hypersexualisierten Schönheitsidealen der Mehrheitsgesellschaft. Da erleben die Mädchen natürlich sehr viel, auch über die sozialen Medien, wenn sie TikTok folgen, Instagram folgen und dergleichen mehr. Und dann eben, sich zu verhüllen, kann als ein Schutzschild interpretiert werden.
Also wenn ich den Gesichtsschleier, den Niqab trage, kann das als ein physisches Schutzschild dienen, um mich eben diesen bewertenden, sexualisierten Blicken der Außenwelt zu entziehen. Und das befreit subjektiv vom Druck spätmoderner Selbstinszenierungs- und Optimierungszwänge. Also viele Mädchen sind heutzutage, ja, fühlen sich dem Druck ausgesetzt. Eine besonders gute Schülerin zu sein, dann ein besonders gutes Studium zu machen, einen besonders guten Beruf zu haben und gleichzeitig eine, ja, schöne, attraktive Frau zu sein, das kann unheimlich viel Druck aufbauen. Und durch die Hinwendung zum sogenannten Salafismus können die Mädchen sich eben diesen Druck entziehen.
Anja: Wenn du auf deine Interviews guckst, was würdest du sagen, macht die Ideologie des Salafismus für junge Frauen überhaupt so attraktiv?
Laura: Zum einen die Komplexitätsreduktion. Das sagte ich eben bereits, dass damit ja geworben wird, dass es auf alle Fragen eine Antwort gibt. Und zwar mit einem klaren Schwarz-Weiß-Bild. Ja, also da gibt es unumstößliche Antworten und das bietet Gewissheit, bietet Orientierung und dann eben Halt. Natürlich hat das immer auch damit zu tun, dass Mädchen und junge Frauen in vulnerablen Phasen sich diesen Bewegungen hinwenden. Ich sage immer, wenn jemand einen geraden Lebenslauf hat, wo wirklich nichts Schlimmes passiert ist, der oder diejenige kommt gar nicht auf die Idee, sich zu radikalisieren.
Das heißt, wir haben immer die Ausgangslage einer biografischen Krise und dann eben der Versuch, diese Krise zu überwinden. Und diese Komplexitätsreduktion, die hilft mir dabei. Was mir auch hilft, ist Struktur im Alltag zu haben und eine Heilsgewissheit.
Salafismus hat sehr strenge Regeln und es gilt ja, der oder diejenige, die sich an diese Regeln hält und ein gottgefälliges Leben führt, der wird das Paradies versprochen. Das kann emotionalen Halt bieten und auch eine psychische Entlastung. Nicht nur der Glaube an Hölle und Himmel, sondern auch die Vorstellung, dass Gott einen je individuellen Plan für das Mädchen oder die junge Frau hat.
Und das kann ganz viel Stabilität auch bieten, dass man darauf vertrauen kann, Gott hat einen Plan für mich. Und dann auch der Aspekt der Sündenvergebung und der Neubeginn. Das ist insbesondere für die zum Islam konvertierten ein Thema.
Das Leben vor der Konversion wird oftmals als sündhaft beschrieben und mit der Hinwendung der Konversion kommt es zu einem symbolischen Neubeginn, zu einer, in Anführungszeichen, Reinigung, ein unbelasteter Neustart, was sie auch sehr aufwerten kann. Und dann auch die Aufwertung traditioneller Rollen. In der salafistischen Ideologie spielt die Rolle der Frau als Ehefrau und Mutter eine ganz große Rolle.
Die Rolle wird ganz massiv aufgewertet. Und da bietet so eine, in Anführungszeichen, attraktive Alternativkarriere bei schulischem oder beruflichem Scheitern. Das habe ich in meinen Interviews auch häufiger gesehen.
Die Suleya, die hatte ich angesprochen, die musste vom Gymnasium auf die Realschule, auf die Hauptschule wechseln. Und jetzt hat sie, das ist ein Zitat, authentisches islamisches Wissen erworben, was sie weitergeben kann. Meine Interviewpartnerin Filiz, die hatte auch Schwierigkeiten mit dem Ausbildungsplatzsuche, hat mehrere Ausbildungen angefangen.
Jetzt gibt sie Arabischunterricht und Islamunterricht für, Zitat: „frisch konvertierte Schwestern“. Das bringt ihr eine enorme Aufwertung. Und auch durch das Tragen des Niqabs, was sie macht, erhält sie eine Vorbildfunktion.
Das heißt, plötzlich wird zu ihr aufgeschaut.
Anja: Wie würdest du aufgrund deines Datenmaterials erklären, dass klare Rollenbilder als entlastend oder auch emanzipatorisch empfunden werden?
Laura: Heutzutage ist es ja so, dass es eine Mehrfachbelastung gibt. Wir haben die Erwerbsarbeit, die Care-Arbeit, wie ich schon sagte, eine attraktive Partnerin zu sein, eine perfekte Mutter zu sein, da kommt ja ganz schön viel Druck zusammen. Und wenn ich nicht diese Ressourcen habe, wie ich mit diesem Druck umgehen kann, weil ich eben in einer vulnerablen, kritischen Lebenssituation bin, aufgrund meiner biografischen Erfahrungen, dann kann diese Beschränkung auf den häuslichen Bereich entlastend wirken.
Wir haben bei den Frauen auch, und das finde ich ganz spannend, eine subjektive Emanzipation. Die Frauen entscheiden sich ganz bewusst für die Vollverschleierung, oftmals gegen den Widerstand von Eltern, insbesondere auch, wenn sie selbst muslimisch sind. Aber gerade der Gesichtsschleier wird doch von vielen Eltern abgelehnt, und in den Schulen sowieso. Aber von den jungen Frauen wird das als ein emanzipatorischer Akt der Selbstbestimmung und der Freiheit interpretiert. Sie entscheiden, wer sie wann sehen darf. Das heißt, es gibt eine Machtumkehr durch Unsichtbarkeit. Und dadurch kann man sich eben auch der Bewertung durch die Blicke anderer entziehen. Und dann gibt es noch das Motiv der Abgabe von Verantwortung. Wenn ich mich freiwillig unterordne, unter religiöse Regeln oder auch unter die Autorität des Ehemannes, dann, das haben die Frauen auch beschrieben, dass das als entlastend gesehen wird, als sicherheitsstiftend empfunden wird.
Was sie vor weiteren Überforderungen, die vielleicht vormals erlebt wurden, sie beschützt.
Anja: Auch nochmal mit Blick auf deine Daten. Was würdest du sagen, welche Funktionen erfüllt die Zugehörigkeit zu einer salafistischen Gruppe?
Laura: Ja, das finde ich auch sehr spannend. Und zwar, ich nenne das in meiner Dissertation, die Sisterhood. Das habe auch nicht nur ich gesagt, auch schon weitere Wissenschaftlerinnen. Aber diese Sisterhood ist ein ganz zentrales Motiv. Die kann man tatsächlich als eine Ersatzfamilie sehen. Wie Freundinnen.
In einer salafistischen Milieu wird aber nicht von Freundinnen gesprochen, sondern man spricht sich gegenseitig als Schwester im Glauben an. Und dort findet man einen sehr starken emotionalen Zusammenhalt, der eben ein Vakuum füllt, das durch instabile und emotional abweisende Herkunftsfamilien oftmals entstanden ist. Dann die Funktion, das habe ich gerade kurz angesprochen, des Statusgewinns und der Anerkennung.
Also durch das Aneignen von religiösem Wissen, das Einhalten von strengen Kleidungsregeln, können die Frauen innerhalb ihrer Gruppen, Gruppierungen, ganz schnell soziale Anerkennung erfahren, eine Vorbildfunktion erlangen. Das heißt, diese Funktion der Anerkennung, jeder Mensch strebt ja nach Anerkennung, Selbstwert, Selbstwirksamkeit. Wenn ich an den Sozialarbeitswissenschaftler Lothar Bönisch hier erinnern kann, den ich sehr gerne heranziehe, um das Phänomen der Hinwendung junger Frauen zum Salafismus zu erklären, dann gerade dieses Moment der Zugehörigkeit ist ein ganz großes Motiv.
Selbstwirksamkeit, Lebenssinn, man ist Teil einer imaginierten, globalen, einer moralisch überlegenen Gemeinschaft, der islamischen Umma. Und ja, auch durch karitative Aktionen, wie zum Beispiel Spendenaufrufe in den sozialen Medien, kann man sich sozial wirksam fühlen, Selbstwirksamkeit erfahren, die man vielleicht vorher lange Zeit nicht erfahren durfte.
Anja: Und zum Schluss noch die Frage, welche Rolle spielen eigentlich gesellschaftliche Erwartungen und Diskriminierungserfahrungen bei der Hinwendung zum Salafismus?
Laura: Der Punkt der intersektionalen Diskriminierung ist tatsächlich ein großer. Muslimisch gelesene Mädchen erleben oft eine Verschränkung von religiöser Stigmatisierung. Also wenn sie sich Islam zuwenden, Kopftuch beginnen zu tragen, da werden oft Lehrkräfte sehr aufmerksam.
Ich habe Interviewpartnerinnen, da denke ich an die Fiona, die beschreibt, dass sie, nachdem sie angefangen hat, das Kopftuch zu tragen, dass ihre Noten rapide abgefallen sind. Und sie hat mir beteuert. Sie hat sich extra angestrengt.
Sie wollte beweisen, dass sie, Zitat: „ein kluges Mädchen ist, auch wenn ich Kopftuch trage“. Und dann haben wir natürlich Othering, also rassistische Ausgrenzung, Fremdmachung, Andersmachung und eben auch das Motiv, also intersektional gesehen, die vergeschlechtliche Abwertung als Frau, die da nochmal dazu kommt. Bei der Fiona ist das ganz spannend.
Wir haben hier eine Re-Islamisierung als Schutzstrategie. Sie hat in der Schule sehr viele Diskriminierungserfahrungen gemacht. Sie wurde abgewertet.
Sie hat im Physikunterricht die Evolutionstheorie negiert, woraufhin sie von ihrem Lehrer, der auch ihr Vertrauenslehrer war und der ihr immer wieder auch unterstützend zur Seite gestanden hatte in ihrer sehr konflikthaften familiären Umfeld, vor allen MitschülerInnen hat er gesagt: „Ich kann dich nicht mehr ernst nehmen“. Also wir haben hier eine massive Abwertung ihrer Person gehabt. Das hat mit dazu geführt, dass es eine reaktive Rückbesinnung, ihre religiösen Wurzeln gab, um ihren verletzten Selbstwert zu schützen.
Sie hat sich dann kompensatorisch abgegrenzt. Also diese erfahrene gesellschaftliche Exklusion, die hier im Raum Schule passierte, die hat sie umgewandelt mit der Aneignung der salafistischen Ideologie in eine selbstgewählte, moralisch überlegene Exklusion. Also sie sagt, ihr kommt in die Hölle, ich komme ins Paradies, ist mir ganz egal, was du sagst.
Ich weiß, Dein Ende wird die Hölle sein.
Anja: Vielen Dank, Laura, vielen Dank für die echt interessanten Einblicke und auch vor allem, dass du dir die Zeit genommen hast.
Laura: Ich habe zu danken. Vielen Dank.
Anja: Mit Laura habe ich aus der wissenschaftlichen Perspektive darüber gesprochen, welche geschlechtsspezifischen Dynamiken die Radikalisierungsprozesse junger Frauen prägen und warum der Salafismus für einige attraktiv sein kann. Gemeinsam mit Esim möchte ich nun einen Blick auf die Praxis werfen. Esim Karakuyu ist Beraterin und kommt aus der gendersensiblen und rassismuskritischen Jugendarbeit.
Sie beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit den Themen Identitäts- und Ausgrenzungsprozesse, aber auch Radikalisierung und Social Media. Neben ihrer Beratungstätigkeit entwickelt und begleitet sie verschiedene partizipative Social-Media-Projekte. Außerdem ist sie auch Co-Autorin von die Alternativen-Heldinnen-Reise Digital Storytelling von unten, das 2025 im Mangelbaum Verlag erschienen ist.
Herzlich willkommen, Esim. Schön, dass du dir die Zeit genommen hast.
Esim: Sehr gerne. Danke für die Einladung.
Anja: Kannst du für unsere Zuhörerin vielleicht nochmal kurz schildern, inwieweit du bei deiner Arbeit mit dem Thema Radikalisierung von jungen Frauen in Berührung kommst?
Esim: Ich bin Beraterin bei der Beratungsstelle Extremismus mit dem Sitz in Wien. Wir sind für ganz Österreich sozusagen für alle Belange, rund um alle Themen und alle Phänomenbereiche rund um Extremismus und Radikalisierung zuständig. Und im Rahmen meiner Beratung berate ich eben auch vor allem junge Frauen, junge Erwachsene, die sich in irgendeiner Thematik mit dem Thema Extremismus oder Radikalisierung bewegen.
Zum einen junge Frauen, die freiwillig zum Beispiel zu uns kommen oder durch andere MultiplikatorInnen, wie zum Beispiel LehrerInnen, SozialarbeiterInnen oder Ähnliches, aber auch tatsächlich WeisungsklientInnen. Das bedeutet schon verurteilte junge Menschen, junge Frauen, die von Gericht sozusagen eine Auflage haben, sich von uns begleiten zu lassen. Und in dem Rahmen arbeite ich vorrangig mit jungen Frauen gemeinsam.
Und zusätzlich mache ich unterschiedlichste Jugendprojekte, auch mit dem Fokus auf junge Frauen und Jugendliche, mit dem Fokus auf Social Media und was dort unterwegs ist. Und auch in diesem Rahmen arbeite ich mit jungen Frauen gemeinsam.
Anja: Was würdest Du sagen, wenn Du Dir so Deine KlientInnen anguckst, gibt es da irgendwelche typischen Muster, also zum Beispiel biografische Aspekte, wo Du sagst, das zieht sich durch die Geschichten durch?
Esim: Ich würde sagen, dass tatsächlich jeder Fall und jede KlientIn individuell ist. Und damit auch sozusagen die Biografien und die Hinwendungsmuster oder die Brüche, die manchmal stattfinden, sozusagen individuell sind. Und es fällt mir da schwer, so allgemeine Aussagen immer zu treffen.
Was wir aber zum Beispiel beim Projekt Girls Matter hatten, da hatten wir den Fokus auf junge Frauen und Mädchen ganze zweieinhalb Jahre. Was da immer aufgefallen ist, dass es sehr viele Parallelen einfach gibt. Auch darunter, dass nicht nur der Phänomenbereich sich ändert, zum Beispiel auch bei jungen Frauen, die sich eigentlich in ganz anderen soziokulturellen Hintergründen bewegen oder aufgewachsen sind oder sozialisiert sind.
Und da merkt man immer, dass Thematiken ähnlich sind wie zum Beispiel das Geschlecht selber. Also was bedeutet es, eine Frau zu sein? Wie nehme ich andere wahr?
Wie nehme ich mich selber wahr? Wie will ich sein und welche Modelle habe ich sozusagen, die mir das erklären und welche Modelle habe ich vielleicht nicht, die mir das erklären, beziehungsweise die einfach nicht zufriedenstellend für mich sind. Dass das eine große Thematik ist.
Und die Thematik rund um Beziehungen ist eine ganz, ganz große Sache. Also romantische Beziehungen bis hin zur Beziehung zu den Eltern oder zur Herkunftsfamilie, zu Freundinnen. Dass das so Thematiken sind, die immer sehr präsent sind.
Und die dritte ist, es geht immer so ein bisschen darum und das wird jetzt, beobachte ich das auf Social Media gerade auch noch mit den neuen Trends, die Frage um, wie werde ich das perfekte Ich? Also wie werde ich perfekt? Wie werde ich die perfekte Frau?
Die ideale Ehefrau oder die ideale Freundin, die ideale Tochter? Und das sind so Themen, die uns immer wieder begleiten und die immer wieder aufkommen. Und eine große Thematik ist tatsächlich auch die, tatsächlich würde ich sagen, der größte gemeinsamer Nenner ist, die Thematiken rund um Gewalt.
Wenn ich Gewalt erlebt habe, wie wurde damit umgegangen? Vor allem sexualisierte Gewalt und so weiter. Und damit einhergehend dann auch die Thematiken rund um Schutz und Sicherheit.
Also ich fühle mich nicht sicher. Ich habe das Gefühl, keinen Schutz zu haben. Ich habe auch das Gefühl, irgendwie, wenn mir etwas passiert in diesen ganzen Systemen, die man dann durchlaufen kann, irgendwie nicht das zu finden, was mein Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz gerade erfüllt.
Und dass das ein ganz großer Knackpunkt ist und damit auch oft eben einen Bruch in der Biografie darstellt, wo sich viele junge Frauen dann irgendwo hinwenden könnten, wenn sie das wollten.
Anja: Ja, meine nächste Frage hast du eigentlich schon beantwortet. Ich wollte nämlich nochmal nachfragen, welche Rolle die Lebensphase der Adoleszenz spielt. Aber du hast ja auch schon ganz viel erwähnt, was beispielsweise die Identitätsfindung betrifft.
Vielleicht nochmal andersrum gefragt. In der Literatur wird ja auch immer die Besonderheit der weiblichen Adoleszenz hervorgehoben. Beispielsweise durch die körperlichen Veränderungen und damit zusammenhängt das gesellschaftliche Frauenbild.
Das hast du ja auch eben schon mal angesprochen. Würdest du das so unterstreichen, dass dies auch ein wichtiger Aspekt bei der Hinwendung sein kann?
Esim: Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, dass alle Menschen irgendwie anfällig sind für extremistische Erzählungen. Aber natürlich die Phase der Jugend und die Phase der Adoleszenz spielen da nochmal eine ganz vulnerable Phase.
Wir kennen das alle von uns selber. Da ist man eben auf Identitätssuche. Das ist auch ein großes Wort. Was ist eine Identitätssuche? Aber das sind so Fragen, die man sich stellt. Man beobachtet, was machen die anderen?
Was habe ich von zu Hause mitbekommen, wenn ich denn ein Zuhause habe? Also das muss auch nicht unbedingt vorausgesetzt sein sozusagen. Und welche Modelle habe ich von außen?
Und in dieser Vulnerabilität und in diesem Ich will eigentlich was ändern. Und mein Körper ändert sich. Meine Gedanken ändern sich ein bisschen.
Es ist immer irgendwie Reibung in mir sozusagen. Also auch dieses Getriebensein. Und damit dann ein bisschen auf die Suche zu gehen.
Und ich würde auch sagen, das nicht ganz reflektieren zu können. Weil viele Jugendliche sagen dann nicht, ich gehe jetzt auf eine Identitätssuche. Sondern sie befinden sich darin sozusagen.
Das spielt da eine ganz große Rolle. Durch auch die Vulnerabilität. Und dadurch auch, es sind da zwei Aspekte. Zum einen will man nicht mehr als Kind oder kindlich wahrgenommen werden. Sondern ich bin jetzt auch erwachsen. Und ich will auch so wahrgenommen werden. Und ich will auch vor allem so behandelt werden. Und zum anderen gleichzeitig auch diese ganzen Sachen, die das Erwachsenensein dann aber mit sich bringen. Diese ganzen Verantwortungen. Oder was mache ich mit meiner Zukunft? Wohin will ich eigentlich? Habe ich reale Zukunftsperspektiven?
Das macht alles so ein bisschen schwieriger. Und dann bewegt man sich natürlich auch in unterschiedlichen Systemen. Wie der Familie, wie der Community. In der Schule oder in der Arbeit. Freundinnen, Freunde, PartnerInnen. Und die haben dann auch bestimmte Bilder von dir.
Wie es jetzt ist, zum Beispiel eine Frau zu sein. Was das bedeutet. Was damit einherkommt, dass man eben kein Kind mehr ist.
Sondern auch der Körper sich zum Beispiel ändert. Und man von außen auch eventuell dann als Frau wahrgenommen wird. Und diese Erwartungen dieser unterschiedlichen Systeme, die reiben sich ja auch aneinander.
Nicht alle haben die gleichen Erwartungen. Aber die Systeme sind relevant für die jungen Frauen selber. Und dann muss man das mal aushalten und aushandeln können.
Und das ist manchmal schwierig sozusagen. Also viele junge Menschen haben ja auch wenig Begleitung in dieser Phase leider. Und das dann alleine auf sich aushandeln und aushalten zu können, könnte eben dazu führen, dass man sich dann Antworten sucht.
Auf all diese Fragen, die man sich da stellt. Und möglichst einfache Antworten, die man schnell umsetzen kann. Wie ich zu Beginn gesagt habe.
Die Frage nach dem, wie werde ich das perfekte Ich, ist eine ganz große Frage. Und umso schneller und einfacher sozusagen diese Frage beantwortbar und umsetzbar ist, dahin zieht es mich da im ersten Moment auch.
Anja: Wir haben ja im Salafismus recht strenge Rollenbilder und Frauenbilder. Die lösen sich zwar so ein bisschen auf momentan durch die Blogs und auch salafistische Influencerinnen. Aber alles in allem ist die Rolle der Frau doch recht rigide festgeschrieben. Was würdest du sagen, wie sehen die Frauen selbst diese Rollenbilder?
Esim: Ich finde das ganz spannend tatsächlich, welche Perspektiven die jungen Frauen da einnehmen. Wenn sie sozusagen in diesen Gruppierungen sind und sich darin bewegen und dann das dann ausgehandelt wird. Und wenn sie nicht in diesen Gruppierungen sind, entweder dann ein sogenannter Distanzierungsprozess stattgefunden oder sie sind raus oder wie auch immer.
Oder sie sind gegangen worden, was auch manchmal passiert. Und eine Thematik, die ihnen ganz, ganz wichtig ist, immer wieder und das ist tatsächlich phänomenübergreifend so, aber auch in diesen salafistischen Gruppierungen so, ist das Thema zum einen der Schutz und Sicherheit, was ich ja schon erwähnt hatte, aber auch die der Geschlechtergerechtigkeit. Und ich finde es ganz spannend, weil sie dann immer über Geschlechtergerechtigkeit und nicht über Gleichwertigkeit sprechen.
Weil die Argumentation ist, wir sind nicht gleich, wir sind vom Körper her nicht gleich und so weiter und so fort. Aber es gibt ein Konzept der Geschlechtergerechtigkeit in dieser Gruppe und die für sie sozusagen eine Erleichterung erstmal im ersten Moment darstellt. Nämlich, dass sie sagen, diese Rollen sind vorgegeben und auch streng, aber diese Rollen sind ja nicht nur für mich als Frau vorgegeben, sondern auch für den Mann.
Das heißt, der Mann und die Frau bewegen sich entsprechend bestimmter Rechten und Pflichten und jeder hat sich an seine Rechte und an seine Pflichten zu halten. Das heißt aber, dass ich als Frau sozusagen mich nicht drum kümmern muss, jetzt ganz plakatives Beispiel, das Geld nach Hause zu bringen. Weil der Mann versorgt und er ernährt und das ist seine Pflicht sozusagen.
Und ich habe diesen Struggle als Frau sozusagen nicht mehr Geld reinzubringen. Aber ich bin dann eben für das Haus, also für innen zuständig, für den Haushalt, dafür, dass es allen irgendwie auch gut geht, auch emotional gut geht. Also dass die Erzählung, dass die Frau die Fürsorgliche, die Barmherzige ist, die allen auffängt, die immer auch sehr mütterlich ist sozusagen, aber auch die starke Frau für den Mann, der sich dann aber auch nur zu Hause fallen lassen kann sozusagen, weil er dann da draußen der Starke ist sozusagen.
Und ich erlebe das so, dass die jungen Frauen das im ersten Moment oder in der ersten Zeit immer als Erleichterung wahrnehmen, dass diese Rollen sehr klar sind. Ich aus meiner Perspektive und aus meinem Gewordensein würde sagen, oh Gott, da will mir irgendjemand vorschreiben, was ich zu tun habe und Rechte und Pflichten und ich darf mich da nicht irgendwie bewegen. Und für sie ist das so sehr klar und strukturiert.
Und wenn wir uns vorstellen, dass wir viel mit jungen Frauen arbeiten, die aus sehr vulnerablen Verhältnissen kommen, die vielleicht auch überfordert sind mit dem Unmengen Angeboten an, was man als Frau alles sein kann, was ich aus meiner Biografie einfach feiere und sage, ja, ich kann alles und sein und machen, was ich möchte, jetzt so als Ideal dargestellt, ist das für sie tatsächlich mit 15, 16, 17 bis hin zu Anfang 20 manchmal einfach überfordernd.
Und dann hast du ein Modell, das dir ganz klar sagt, so hast du zu sein, so hast du dich zu kleiden und so weiter. Und dann kommt vielleicht noch die ideologische Komponente dazu. Und tatsächlich ist das bei meinen jungen Frauen, mit denen ich arbeite, nicht immer so.
Aber wenn die dann noch dazu kommt, hast du nochmal eine Sinnebene dabei, nochmal eine Wertebene sozusagen, die das alles nochmal auf einer ganz anderen Ebene erhöht. Und dadurch hast du eine Erklärung dafür, eine leichte Erklärung dafür, wie dein Leben zu sein hat. Und das bietet im ersten Moment mal Erleichterung und Struktur.
Was man dann eben reflektieren muss, ist, dass diese vorgegebene Rahmen eben meistens von Männern vorgegebene Rahmen sind. Also dieser Rahmen ist dann auch nicht gestaltbar oder auch nicht diskutierbar oder sowas. Und dann merkt man ganz schnell meistens, da stimmt was nicht oder da fühlt sich dann doch was unstimmig an.
Wenn das dann immer enger wird. Also diese Struktur, die man am Anfang Halt gegeben hat, die wird irgendwann eng. Und das sind die Momente, die dann sozusagen gut sind, um diese Ambivalenzen zu sehen und diese dann auch besprechbar machen zu können.
Anja: Gibt es eigentlich in dem ganzen Prozess von Radikalisierung, aber auch Deradikalisierung und Distanzierung Themen, die zwar eine wichtige Rolle spielen, aber die besonders schwer besprechbar sind mit den Frauen?
Esim: Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass und auch tatsächlich wieder phänomenübergreifend, dass diese ganzen Thematiken rund um Sexualität und Geschlecht ein bisschen schwierig besprechbar sind. Zum einen, weil sie einfach noch immer sehr schambehaftet sind oder da es eine Hemmung gibt. Und zum anderen auch, weil in dieser Thematik dann auch viel Gewalt erlebt wird, also viel sexualisierte Gewalt.
Und sich das mal einzugestehen, dass man diese Gewalt erlebt in einer Gruppe, wo man sich ja eigentlich sicher fühlen möchte oder Schutz haben möchte und so weiter. Diese Themen sind ein bisschen schwieriger zu gestalten und da ist es, glaube ich, wichtig zu besprechen. Und da ist es, glaube ich, wichtig, eben auf diese Beziehungsarbeit zu setzen, auf diese Beziehungsebenen zu setzen.
Also wir begleiten junge Frauen auch relativ lang manchmal, bis zu zwei, drei Jahren und so weiter. Und dann ist es leichter, über die Thematiken zu sprechen. Aber diese Gewaltthematiken rund um diese Thematik von Sexualität bzw.
eben sexualisierte Gewalt, was ja Gewalt ist ja keine Sexualität, aber das ist alles so ein bisschen aneinandergeknüpft. Es ist eh schon schwer besprechbar und irgendwie schambehaftet oder man bekommt auch mit, man spricht nicht darüber, man spricht nicht darüber, was innen passiert sozusagen, in der Gruppe passiert. Also das muss geschützt werden sozusagen.
Und wenn man dann mal Gewalt erlebt und dieser Bruch passiert, in dem ich dachte, ich bin hier sicher, dann ist das ganz, ganz schwer besprechbar und auch schwer besprechbar, weil ich mir dann eingestehen muss, dass da was nicht stimmt. Und es ist ja auch eine idealisierte, also wenn ich eine Gruppe habe, wo ich mich zugehörig fühle, wo ich eine alternative Familie habe sozusagen und ich mir dann eingestehen muss, dass da Mechanismen sich vielleicht auch wiederholen, von denen ich gerade geflüchtet bin oder wo ich dachte, da habe ich Schutz, dann ist das auch ein schwieriger Prozess für einen selbst, weil was bedeutet das dann? Das bringt ja dann viele Konsequenzen mit sich und Folgen mit sich, wenn man sich eingesteht, dass das eigentlich sehr, sehr schlimm ist, was manchmal passiert.
Anja: Ich höre von Beraterinnen immer wieder, dass es recht schwer ist, überhaupt einen Zugang zu jungen Frauen zu bekommen. Was sind da deine Erfahrungen? Und vor allen Dingen, was muss sich noch verändern, damit man junge Frauen noch besser erreichen kann mit der Arbeit?
Esim:Ja, auf jeden Fall. Also ich arbeite seit circa zehn Jahren in diesem Bereich schon. Ich habe gemerkt, vor zehn Jahren war der Zugang zu Frauen in extremistischen Gruppierungen ganz, ganz schwierig noch.
Also sie waren einfach nicht sichtbar und nicht da. Das ändert sich tatsächlich auch. Das ändert sich auch sozusagen in der Rekrutierungsmaschinerie, wenn man das so möchte oder nennen möchte, dass sie dann sichtbarer werden.
Das führt aber auch dazu, dass die jungen Frauen selbst sichtbarer und greifbarer werden. Und es ist nach wie vor so, dass es schwierig ist, natürlich, wenn jemand schon in einer Gruppe verankert ist und da drin ist, da ranzukommen, da reinzukommen und eine Beziehung aufzubauen und so weiter. Aber wir merken, dass es unterschiedliche Wege gibt tatsächlich, wie wir die jungen Frauen doch erreichen können.
Da gibt es die Offline-Arbeit, die ganz, ganz wichtig ist, also die klassische beraterische Arbeit, die wir machen, dass auch MultiplikatorInnen oder Eltern oder Familienangehörige wissen, es gibt solche Angebote, wo man sich hinwenden kann und so weiter. Und wir versuchen aber auch zum Beispiel auf Social Media einfach präsent zu sein und zu sagen, hey, uns gibt es. Wir beschäftigen uns mit diesen Thematiken.
Und ich glaube, was es da halt auch braucht, ist, wir arbeiten in unserer Arbeit in der Beratungsstelle eben psychosozial zum Beispiel und nicht ideologisch verankert sozusagen. Und da ein großes, ganzes Bild auf das Ganze zu haben. Also viele junge Frauen kommen dann zu uns und haben erst mal Sorge, was passiert hier eigentlich und wer sind diese Menschen?
Und das ist ein großer Name sozusagen, Extremismus-Beratungsstelle. Hui, hui, hui, wer geht da schon gerne hin? Und dann, glaube ich, kommt es eben darauf an mit diesem psychosozialen Aspekt, dass wir auf diese Beziehungsarbeit ganz, ganz stark setzen und dass wir sagen, sobald und solange du unsere Klientin bist, ist zum einen die Vertraulichkeit gegeben und zum anderen aber auch die Parteilichkeit einfach.
Also wir sind auch parteilich für dich in diesem Beratungssetting sozusagen, in dieser Begleitung. Und oft haben wir junge Frauen, die in unterschiedlichsten sozialarbeiterischen Kontexten schon unterwegs waren und sich aus unterschiedlichsten Gründen vielleicht nicht wohlgefühlt haben. Und das zu realisieren und ein bisschen herauszuarbeiten, warum sie sich da nicht wohlgefühlt haben, also das mit denen auch transparent zu machen und zu besprechen, führt dazu, dass eine Beziehung überhaupt möglich ist.
Ich gebe vielleicht ein Beispiel, vielleicht nochmal aus dieser Gruppierung islamistischer Extremismus. Wir haben sehr viele junge Frauen, die, wenn sie zur Beratung kommen, ein Hidschab und ein Niqab anhaben. Und ich kann verstehen, wenn manche das sehen, also in Österreich ist es ja auch tatsächlich verboten, die Gesichtsverstellung.
Ich glaube, in Deutschland ist das anders. Aber in Österreich ist das tatsächlich auch gesetzlich verboten sozusagen. Aber sie kommen dann tatsächlich mit der Gesichtsverstellung manchmal auf, obwohl sie es im alltäglichen Leben gar nicht tragen.
Also sie wollen dann auch testen, was passiert. Und diesen Moment habe ich erlebt, man spricht nicht darüber, man weiß aber, gerade passiert etwas. Nämlich, wenn man es nicht bespricht.
Wenn man die Person einfach mal so sein lässt, wie sie gerade ist und gar nicht da anfängt, wo ich denke, sozusagen als Beraterin, da muss ich jetzt ansetzen, weil wir sind die Beratungsstelle Extremismus. Sondern die junge Frau mal zu fragen, welche Themen hast du gerade in diesem psychosozialen Kontext, in dem wir arbeiten. Welche Themen belasten dich gerade?
Welche Herausforderungen hast du? Was denkst du, warum du hier bist? Wie auch immer die Person dahergekommen ist zu uns.
Und das ist ein Moment sozusagen, wo wir mal die Person so annehmen, wie sie ist. Und auf dieser Annahme dann die Beziehung auch gründen können. Später sind diese unterschiedlichsten Themen eben dadurch besprechbar, weil sie einen Raum haben, in dem sie nicht verurteilt werden.
Ich meine, sie wird den Raum verlassen, sie wird auf die Straße gehen und wird wahrscheinlich direkt einen Spruch abbekommen oder antimuslimischen Rassismus erleben oder was auch immer. Und in diesem Raum sozusagen ein Safer Space zu haben, das ist ein Moment, der immer sehr greifbar ist. Und das würde ich sagen, ist wichtig, einfach das nochmal so zu betrachten in der Arbeit.
Genau im allgemeinen Kontext oder die Person einfach im Allgemeinen zu sehen. Wo bewegt sie sich gerade? Welche Baustellen gibt es da?
Welches Bedürfnis wird mit dieser Hinwendung eigentlich erfüllt? Und wo können wir da unterstützen?
Anja: Ja, vielen Dank. Das war es von meiner Seite schon. Möchtest du vielleicht noch irgendwas ergänzen?
[Sprecher 1]
Nein, ich glaube, ich möchte nichts ergänzen. Ich glaube, mir ist voll wichtig, durch meine Arbeit auch zu sagen, dass eben jede Frau irgendwie unterschiedlich ist. Und ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass manche Dinge eben parallel laufen, unabhängig von welcher Form von Extremismus gerade Thematik ist, also deswegen eben phänomenübergreifend.
Und ich oft das Gefühl habe, dass da auch so mit Angst rangegangen wird oder auch vor allem bei anderen Multiplikatoren, die sich mit der Thematik Extremismus vielleicht nicht so auseinandergesetzt haben. Dass da Sorge und Angst auch ein bisschen ist und auch ich bin nicht sozusagen kompetent für dieses Thema und ich weiß nicht, was ich machen soll. Und da nochmal ist mir wichtig mitzugeben, so auf dieser Beziehungsebene einfach zu bleiben und daran anzuknüpfen, was schon da ist.
Und da braucht man auch keine Expertin sein für Extremismus oder Radikalisierung, sondern unsere sozialarbeiterischen, pädagogischen Handwerke geben uns sozusagen auch die Methoden, wie wir die Beziehung mit unseren Jugendlichen und unseren jungen Frauen und auch Erwachsenen halten können sozusagen. Und das ist der Kern, wie man arbeiten kann und das auch prüfbar wird sozusagen.
Anja: Vielen Dank, das ist doch ein schönes Schlusswort. Ich habe diese Folge „Radikale Entlastung, wie Salafismus für junge Frauen zur Lösung wird“, genannt, denn sie nimmt Fragen in den Blick, die immer dann auftauchen, wenn es um die Hinwendung junger Frauen zum Salafismus geht. Nämlich, wie kann ein extremistisches Angebot für junge Frauen zur scheinbaren Lösung werden?
Wie kann eine Ideologie, die mit rigiden Rollen und Geschlechterbildern verbunden ist, für junge Frauen überhaupt attraktiv werden? Und warum können gerade diese klaren Vorgaben subjektiv als Halt, Orientierung, Entlastung oder gar als emanzipatorisch erlebt werden? Im Gespräch mit Laura wurde deutlich, dass die Hinwendung zum Salafismus nicht losgelöst von der jeweiligen Biografie verstanden werden kann.
Sie kann ein Versuch sein, mit Krisen und Überforderung umzugehen, Zugehörigkeit und Anerkennung zu finden oder dem Druck widersprüchlicher Anforderungen etwas entgegenzusetzen. Gerade die Adoleszenz ist dabei eine sensible Lebensphase. Junge Frauen müssen ihre Identität entwickeln, Beziehungen gestalten, mit körperlichen Veränderungen umgehen und ihren eigenen Weg in der Gesellschaft finden.
Gleichzeitig treffen sie aber auch vielfältige Erwartungen daran, wie eine Frau sein soll. Erfolgreich in der Schule und im Beruf, attraktiv, eine gute Partnerin und später vielleicht eine gute Mutter. Hinzu kommen Erwartungen von Familie, von Freunden und Freundinnen und von der Gesellschaft, die sich nicht immer miteinander vereinbaren lassen.
Laura beschreibt im Gespräch, wie diese Mehrfachbelastung Druck erzeugen kann. Und Esim zeigt aus der Praxis, wie entlastend es für manche junge Frauen zunächst sein kann, wenn ein Modell all diese offenen Fragen scheinbar beantwortet. Wie soll ich leben?
Welche Rolle habe ich? Was wird von mir erwartet? Der Salafismus bietet auf all diese Fragen klare Antworten.
Er reduziert Komplexität, schafft feste Zugehörigkeiten und vermittelt Zugehörigkeit. Die Einschränkung von Möglichkeiten kann dadurch zunächst als Orientierung erlebt werden, die Unterordnung als Sicherheit und eine klar definierte Geschlechterrolle als Entlastung. Esim macht aber auch deutlich, diese Entlastung ist oft nur eine scheinbare Lösung.
Die Struktur, die zunächst Halt gibt, kann später eng werden. Denn wer Entscheidungen abnimmt und Sicherheit verspricht, begrenzt zugleich Handlungsspielräume und macht bestimmte Fragen irgendwann kaum noch verhandelbar. Und vielleicht beschreibt radikale Entlastung deshalb tatsächlich ganz gut, worum es geht.
Ein komplexes Leben wird scheinbar einfacher, Widersprüche werden aufgelöst, Entscheidungen abgenommen und Zugehörigkeit wird eindeutig. Der Preis dafür ist allerdings hoch, denn die Eindeutigkeit entsteht dadurch, dass andere Möglichkeiten kleiner werden. Beide Gespräche zeigen, wenn wir verstehen wollen, warum islamistische Angebote für manche junge Frauen attraktiv werden können, müssen wir auch verstehen, welche Herausforderungen, Erwartungen und Bedürfnisse sie aufgreifen und warum gerade eine scheinbare Lösung zunächst tatsächlich wie eine Lösung wirken kann.
Damit sind wir am Ende dieser Sendung angekommen und auch leider am Ende von KN:IX Talks in seiner jetzigen Form, denn dies ist die letzte Folge im Rahmen des Projektes KN:IX connect, da das Projekt zum Ende des Jahres ausläuft. Wir bedanken uns an dieser Stelle herzlich bei allen, die unseren Podcast gehört, geteilt und mit ihren Perspektiven bereichert haben. Auch wenn wir heute noch nicht wissen, ob und in welcher Form es weitergeht, bleibt das Thema wichtig und wir hoffen, dass wir uns an anderer Stelle wiederhören.
Vielen Dank fürs Zuhören und auf Wiederhören.
[Sprecher 4]
Dieser Podcast ist Teil von KN:IX connect, dem Verbund Islamismusprävention und Demokratieförderung. KN:IX connect wird umgesetzt von ufuq.de, Modus ZAD, Zentrum für Angewandte Deradikalisierungsforschung, IFAK, Verein für Multikulturelle Kinder- und Jugendarbeit und der Bundesarbeitsgemeinschaft Religiös Begründeter Extremismus, kurz BAG-Relex. Alle Träger werden im Rahmen von KN:IX connect durch das Bundesprogramm Demokratie leben, des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.
Weitere Förderung erhalten wir von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt. Der Podcast stellt keine Meinungsäußerungen des BMB-FSJ, des BAFZA oder der weiteren Mittelgeber dar. Für inhaltliche Aussagen und Meinungsäußerungen tragen die Publizierenden dieser Veröffentlichung die Verantwortung.
Neuer Kommentar